Ein Leben für die Kolonie - Rote Kolonie Troisdorf (2024)

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Kaspar Quadt

Wenn Kaspar Quadt sagt, dass er mit seinem Wohnhaus verwachsen sei, dann spricht aus ihm ein gewisser Stolz. 84 Jahre wohnt er bereits in der Bismarckstraße 9. 1936 kam er nur wenige Meter entfernt in einer Wohnung des heutigen Kindergartens zur Welt. Seitdem hat er der Roten Kolonie nie den Rücken gekehrt. Sie haben gemeinsam den Krieg überlebt, sich verändert und neu erfunden. Kaspar Quadt und die rote Kolonie teilen sich eine Geschichte.

Erinnerungen an die Anfänge der Kolonie

Der Prolog ihrer Geschichte beginnt in Köln-Kalk. Dort arbeitet Vater Wilhelm als Dreher beim Façoneisen-Walzwerk L. Mannstaedt & Cie. AG. Als die Fabrik nach Troisdorf umzieht, gehen Wilhelm und seine Familie mit. Vorerst ist für sie nur eine kleine Wohnung über der Kleinkinderschule, wie der Kindergarten anfangs hieß, frei. 1935 kommt Kaspars Bruder Wilhelm auf die Welt. Drei Jahre nach Kaspars Geburt in der Kolonie wird die Haushälfte in der Bismarckstraße 9 frei. Plötzlich hat die Familie einen kleinen Garten mit einem Pfirsich- und einem Pflaumenbaum. In jede Gartenparzelle hatte Mannstaedt jeweils zwei Obstbäume pflanzen lassen. Kaspar Quadt erinnert sich noch gut an die klassische Ausstattung des Hauses: “Es gab einen Raum für Kleintierhaltung und einer Klappe in der Decke, die zu einem Heuspeicher führte.”

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Küche-Spüle-Stall

mit O-Ton Kaspar Quadt

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“Einige Nachbarn hielten Hühner oder sogar Schafe”, ergänzt er. Die Eltern bauten nach und nach das kleine Häuschen aus und in die Nachbarhäuser zogen die Familien von Tante Anna und Onkel Josef, beides Geschwister des Vaters. So kam es, dass in den 40ern fast die halbe Straße von Quadts bewohnt war.
Tante Finchen, eine weitere Schwester des Vaters, hatte ein Techtelmechtel mit einem Kölner, erinnert sich Quadt und ergänzt, dass dieser öfter mit einem schicken Wagen vorbeigekommen sei. Das war das erste Auto, das die Kolonie gesehen hat. Die Szene wurde sogar fotografisch festgehalten.

Es blieb vorerst bei dem einen Automobil. Die Straße der Kolonie gehörte den Kindern. Kaum waren Kindergarten oder Schule vorbei und die Hausaufgaben erledigt, wurde die Kolonie zum Spielplatz. “Kam ein Fahrradfahrer, stieg er einfach ab, lief an uns Kindern vorbei und fuhr danach weiter”, erzählt Quadt. Kaum einer störte sich daran.
Manchmal hätte es Ermahnungen gegeben nicht so laut zu kicken, aber oft wäre daraus ebenfalls ein keckes Spiel zwischen den Kindern und den Eltern geworden, was nicht selten in einer Partie Treibball gegen die Väter geendet hätte. Spätestens wenn dann gegen 18 oder 19 Uhr die Mütter zum Abendessen riefen, ging es freiwillig zurück in die Häuser.

“Unser Lieblingsplatz waren die Treppenstufen des Hauses der Paxer Eck”, erinnert sich Quadt. Auf dem so genannten Dörpel konnte man damals aufs weite Feld schauen, heute verläuft dort die Moselstraße. “Manchmal schüttet die Frau des Hauses einen Eimer Wasser im Eingangsbereich aus. Das Wasser lief dann durch die Türschwelle nach draußen und scheuchte uns auf”, erzählt er lachend. Die kleinen Treppenstufen vor den Häusern dienten aber nicht nur den Kindern zum Verschnaufen, sondern auch als beliebtes Fotomotiv.

Nachdem Kaspar Quadt in einer der Wohnungen über der Klein-Kinder-Schule geboren worden war, ging er später selber in die Einrichtung. “Im Kindergarten selbst gab es die normalen Gesellschaftsspiele, vor Weihnachten wurden kleine Theaterstücke geübt oder draußen im Sandkasten Burgen gebaut.” Die streng schauende Kindergärtnerin Fräulein Parzik sei ein Kindermagnet gewesen, erinnert sich Quadt: “Wenn die Parzik um die Ecke kam, dann hatte sie ganz schnell eine Schaar Kinder um sich.” Parzickelsche wurde sie genannt.

Bild: Die Kindergartengruppe von Kaspar Quadt ca. 1941. Mitte oben: Fräulein Parzik, Kaspar Quadt Mitte 6. von links.

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Kriegsjahre

Im Krieg und auch noch danach wohnten bei Familie Quadt häufig Untermieter, man rückte zusammen.
Kaspar Quadt erinnert sich an zwei Mädchen aus Würselen, die zum Dienst in der Zündhütchen Fabrik verpflichtet worden waren und in eines der Zimmer im Obergeschoss zogen. Nur bei Fliegeralarm wurde die Bedrohung konkret. “Es mussten alle Fenster verdunkelt werden, damit kein Licht nach draußen kam. Mein Vater hörte öfters im Radio den englischen Sender, daran kann ich mich noch erinnern. Das sollte aber keiner wissen und wir durften es draußen nicht erzählen”, erinnert sich Quadt und ergänzt:

“Als Kind hat man das alles nicht so richtig mitbekommen, die anderen waren ja die Bösen, weil die uns ja mit Bomben beworfen haben. Wir spielten in Kiesgruben, dem heutigen Stadtpark FWH, bei Fliegeralarm schmissen wir uns in die Kuhlen und warteten bis die Flieger weg waren.”

Am 29.12.1944 gab es wieder einmal Fliegeralarm. Diesmal war Kaspar zu Hause.

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Als die Bomben fielen

Die Ruhe nach dem Sturm

“Als es wieder ruhig war und wir aus unserm Versteck kamen, war die Luft voller kleiner Staubpartikel der zerstörten Häuser. Aus den Trümmern des Hauses am Zeppelinplatz zogen sie ein sechsjähriges Mädchen heraus. Sie mussten ihr den Dreck aus den Augen spülen, aber sonst war sie unverletzt.”
Dann ging es mit wackeligen Knien Richtung Bismarckstraße. “Zum Glück steht das Haus noch!” – entfuhr es der Mutter Maria Quadt. Am anderen Ende der Straße war das Haus an der Ecke der heutigen Moselstraße getroffen, die Treppe, auf der die Kinder so oft gesessen hatten, gab es nicht mehr. Dort starb ein Mann unter den Trümmern. Es war Heinrich Röhl, der sich in den Keller geflüchtet hatte und dort von einem seiner Eisenregale erschlagen wurde.

Quadt erinnert sich an die Schultage in den letzten Kriegstagen: Die Klasse war in einem Büro der Wohnungsbaugesellschaft untergebracht und sie hörten die Flieger über Troisdorf donnern. Klassenlehrerin Frau Fischer pflegte in diesen Tagen zu sagen: “Wir machen das Heil Hitler nicht mehr.” Quadt sagt, dass sie das mit den Fliegern begründete, obwohl die Piloten sie natürlich nicht hätten hören können. Nach Kriegsende hätte es erst einmal gar keinen Unterricht mehr gegeben. Dann wurden die 7. bis 9. Klasse zusammen unterrichtet. Es gab keine Tafeln oder Hefte. Erst später spendete Dynamik Nobel Kunsstofftafeln mit Linien und Rechenkästchen.

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Schweiß und Glut

Die harten Jahre in der Gießerei

“Eigentlich wollte ich Fernsehtechniker werden”, sagt Kaspar Quadt. Er hätte sich schon immer für neue Technik begeistern können. Doch neben seinem Vater hatte auch sein ein Jahr älterer Bruder als Modellschreiner bereits bei Mannsteadt angefangen – “Wenn du in die Gießerei gehst, dann könnt ihr euch ergänzen, der eine entwirft und der andere gießt”, sagte der Vater.
Am 1. April – seinem 15. Geburtstag – begann also auch der kleine schmächtige Kaspar eine Lehre bei Mannstaedt. Die drei Lehrjahre waren für den Körper eine echte Kraftanstrengung.

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Das Bild zeigt das 25. Betriebsjubiläum des Meisters Kaspar Schumacher. Ganz rechts außen hockt in heller Jacke Kaspar Quadt. Er erinnert sich gut an die Jubiläen, die anfangs noch in jeder Betriebsabteilung separat gefeiert wurden. Weil die Feiern regelmäßig ausarteten und viel Alkohol konsumiert wurde, sah sich die Betriebsleitung gezwungen die Tradition der Feiern einzustellen. Es wurden schließlich mehrere Jubiläen zu einer großen Feier gebündelt, die dann im großen Saal des Kasino abgehalten wurde.

Doch es gab nicht nur Grund zum Feiern. Leider verursachte der damals noch fehlende Arbeitsschutz zahlreiche Unfälle. In den 20 Jahren, in denen Kaspar in der Gießerei gearbeitet hat, kamen zwei Kollegen zu Tode. Die Arbeit mit dem flüssigen, heißen Eisen, den großen Kränen und Maschinen barg allerlei Gefahren und führte zu kleineren und größeren Verletzungen.

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Heiße Jahre

Kaspar Quadt erzählt von seiner Arbeit bei Mannstaedt

Neuanfang:

Es folgten dennoch zwanzig Jahre in der Gießerei, bis der Siegeszug des Kunststoffs einsetzte und nach und nach weniger produziert wurde. “Das kann doch nicht alles gewesen sein”, dachte sich Kaspar Quadt. Inzwischen hatte er auch geheiratet und drei Söhne bekommen.

Er ergriff die Chance und machte einen Fernkurs in EDV-Lochkarten-Systemen. “Man bekam Bücher zugeschickt, musste Aufgaben lösen und ausgefüllt zurückschicken.” Der Betriebsratsvorsitzende Heinz Krämer bekam vom Vorhaben Wind und unterstützte Kaspar. Er machte einen Termin in der EDV und überraschte eines morgens Kaspar bei seiner Schicht mit den Worten: “Du hast um zehn Uhr einen Termin bei der Direktion!”

“Ich war dreckig von der Arbeit, meldete mich kurzerhand beim Vorarbeiter ab, fuhr nach Hause, wusch mich, zog mich um und saß kurzerhand beim Chef der EDV zum Vorstellungsgespräch.” Zuvor habe ihm Krämer eingebläut nichts zu sagen und ihm das reden zu überlassen. Als zur Sprache kam, dass man eigentlich nur Abiturienten nehme, sprang Krämer ein und sagte: „Wollen sie jemanden, der Abitur hat, hier kurz arbeitet und dann weg ist oder jemanden, der treu zum Unternehmen steht?” Schließlich willigte man auf eine dreimonatige Probezeit ein, die wieder einmal am ersten April begann, seinem 35. Geburtstag. Es gab 80 000 Lochkarten für die Arbeiter und da der Kollege aus dem Lohnsektor bereits in Kaspars dritten Probemonat in Urlaub war, musste er alles alleine bearbeiten. Es lief alles gut und aus der Probezeit wurden 25 weitere Jahre im Unternehmen.

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Endlich Eigenheim

Die Häuser werden verkauft

Nicht nur für Kaspar begann eine neue Zeit, auch für die Kolonie: Ab 1977 wurden die Häuser von Mannstaedt verkauft, die Mieter bekamen ein Vorkaufsrecht. Kaspar Quadt kaufte sein Elternhaus zu einem guten Preis, wie er heute sagt.
“Für den Bestand war es gut, denn die Mieter hatten zuvor oft gewechselt, Renovierung fand nur selten statt.” Mit den Eigentümern kam eine Welle der Sanierung, aber auch der Anbauten. “Ich war der erste der eine Garage aus Stein hatte.” Die meisten Mieter hätten – wenn überhaupt – eine Garage aus Blech gehabt, damit sie diese beim Auszug mitnehmen konnten.

Verwurzelt

Kaspar Quadt hat jedes Jubiläum miterlebt. Beim 25.-jährigen Bestehen war er gerade auf die Welt gekommen. Als die Kolonie 50 Jahre wurde, arbeitete er bereits selber bei Mannstaedt. Bei einer Feier hatten sie noch ein Bierzelt auf der großen Wiese aufgebaut, auf der Ende der 60er Jahre die katholische Kirche Sankt Maria Königin gebaut wurde. Beim Fest zu 75. Jubiläum feierten schon die Eigentümer zusammen. 2013 wurde die Rote Kolonie 100 Jahre alt. Dazu lud er die alteingesessenen Bewohner der Kolonie und Nachbarn zu einer kleinen privaten Feier ein. Denn es sind deren Lebensgeschichten, die die Kolonie geprägt haben. So wie die von Kaspar Quadt, der hier so verwurzelt ist wie einer der Lindenbäume, die die Roonstraße säumen.

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Lebensleiter

So wie diese Leiter, die seit 1912 im Haus existiert und früher zum Heuspeicher führte, so bewahrt Kaspar Quadt die Historie dieses Ortes. Wenn er also betont, mit seinem Haus verwachsen zu sein, schwingt nicht nur Stolz mit, sondern auch eine tiefe Verbundenheit zu seiner Heimat: der Roten Kolonie.

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